Der Sportgeschichts-Podcast

Geschichten über Legenden und Meilensteine des Sports

Fußball: Karl-Heinz Schnellinger: Von Düren & Köln zum König von Mailand

Erster deutsche Championsleague- und Weltpokal-Sieger & 4 Weltmeisterschaften

15.08.2026 66 min

Zusammenfassung & Show Notes

„Ausgerechnet Schnellinger!“ – Dieser Satz von Ernst Huberty beim „Jahrhundertspiel“ 1970 brannte sich in das kollektive Gedächtnis des deutschen Fußballs ein. Doch wer war der Mann hinter dem wohl berühmtesten späten Ausgleich der WM-Geschichte?
In dieser Folge blicken wir auf das außergewöhnliche Leben und die Karriere von Karl-Heinz Schnellinger (1939–2024). Vom bodenständigen Arbeiterkind aus Düren stieg er zu einem der weltbesten Verteidiger der 1960er und 70er Jahre auf. Als einer der ersten deutschen Fußball-Legionäre eroberte er die italienische Serie A, gewann mit dem AC Mailand europäische Trophäen am Fließband und wurde im San Siro ehrfurchtsvoll nur „Carlo“ genannt.
Wir reisen durch vier Weltmeisterschaften, beleuchten seine Weggefährten, blicken auf kultige Anekdoten aus dem italienischen Profifußball der 60er-Jahre und würdigen das Vermächtnis eines echten Pioniers.
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Intro & Das Phänomen Schnellinger
Das berühmteste Tor, das eigentlich gar nicht zu seiner Rolle passte
Die Anfänge in Düren & Der Durchbruch beim 1. FC Köln
Vom SG Düren 99 ins Oberliga-West-Rampenlicht unter Zlatko "Cik" Čajkovski
Deutschlands Fußballer des Jahres 1962 & Die WM in Chile
Als Außenverteidiger auf dem Weltauswahl-Niveau
Abenteuer Italien: Mantova, Roma & der Wechsel zum AC Mailand
Der Schritt als Pionier ins Land des Catenaccio – Wie Schnellinger zu „Carlo“ wurde
Die goldenen Jahre im San Siro (1965–1974)
Europapokal der Landesmeister, Pokal der Pokale, Scudetto & Weltpokal: Die Titel-Ära mit Mailand
Das Jahrhundertspiel 1970: „Ausgerechnet Schnellinger!“
Halbfinale gegen Italien im Estadio Azteca: Die Story hinter der 90. Minute
Karriereherbst, Tennis & das Leben in Mailand
Ausklang bei Tennis Borussia Berlin und warum Mailand seine zweite Heimat blieb
Fazit & Nachruf
Was bleibt von Karl-Heinz Schnellinger? (1939–2024)

Transkript

Herzlich willkommen bei Sportarchiv. Mein Name ist Tim.
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00:00:18
Und mein Name ist Stefan.
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00:00:20
Nachdem wir ja beim letzten Mal von dir was über Eishockey gehört haben, bin ich einmal gespannt, was du heute vorbereitet.
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00:00:26
Ja, wir werden einen deutschen Spieler kennenlernen, einen sehr bedeutenden deutschen Abwehrspieler, den aber fast keiner mehr kennt.
Speaker1
00:00:34
Okay, also gehen wir etwas weiter in die Vergangenheit.
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00:00:37
Ja, durchaus. Der Name dieses Spielers ist Karl-Heinz Schnellinger. Und vielleicht die Überschrift über diesen Vortrag und über sein Leben könnte man sagen, ein Leben zwischen Düren, Köln und Mailand. Okay. Sagt der Mann dir irgendwas?
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00:00:50
Ja, ich habe das schon gehört. Ich weiß, dass der in Italien gespielt hat und dass der Nationalspieler war. Ich habe den irgendwie so im Zusammenhang mit Helmut Haller, glaube ich mal.
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00:01:00
Ja, der Helmut Haller war auch Profi in Italien, das stimmt, beim FC Bologna.
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00:01:05
Ja, aber da bin ich ja mal gespannt. Also das ist natürlich weit vor meiner Zeit oder unserer Zeit.
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00:01:10
Weit vor meiner Zeit auch. Also ich kannte den, hatte da schon mal ein Buch aus den 60er Jahren über den und fand ihn immer irgendwie ganz spannend. Aber der hat nie Bundesliga gespielt und heute kennt ihn ja keiner mehr. Ich wusste, dass er zu seiner Zeit war, dass er ein ganz hervorragender Abwehrspieler. Aber ich fange mal so an. Also Karl-Heinz Schnellinger war einer der bedeutendsten deutschen Abwehrspieler seiner Generation. Er spielte, was mich überrascht hat, für Deutschland bei vier Weltmeisterschaften. Er war Deutscher Fußball des Jahres und da gewann mit dem AC Mailand praktisch alle großen internationalen Titel seiner Zeit. Okay. Und doch gehört Schnellinger zu den Fußballgrößen, die in Deutschland lange weniger bekannt und weniger gefeiert wurden als andere Spieler seiner Generation. Und ja, woran kann das liegen? Vielleicht liegt es auch daran, dass er seine größten Erfolge eben nicht in Deutschland, sondern in Italien feierte. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich sein Name im deutschen Fußballgedächtnis vor allem mit einem einzigen Tor verbindet.
Speaker1
00:02:04
Ja, das kenne ich.
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00:02:05
Ja, okay. Wir kommen dann später da drauf. Aber Karl-Heinz Schnellingers Karriere war sehr viel größer als nur dieses eine Tor.
Speaker1
00:02:13
Okay.
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00:02:14
Er wurde am 31. März 1939 in Düren geboren, also kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges. Schon als Kind, üblich in der Generation vielleicht, spielte Fußball für ihn eine zentrale Rolle. In seiner Heimatstadt Düren kickte er mit seinen Freunden jede Freiminute auf der Straße. Das waren eben noch echte Straßenfußballer. Er selbst erinnerte sich später sinngemäß daran, dass Fußball damals einfach das war, was man machen konnte. Und eines Tages, wie es dann so kam, sprach ihn jemand an und fragte ihn, warum er denn nicht in einem Verein spielt. Und so kam der damals zehnjährige Schnellinger. 1949 zur Eskidüren 99. Als Zehnjähriger bei der Eskidüren 99 bekam er dann richtige Fußballschuhe, eine schwarze Hose, Stutzen und ein rot-schwarz gestreiftes Trikot der Eskidüren 99.
Speaker1
00:02:57
Das passt ja dann schon zum Arzt im Mailand.
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00:02:59
Das habe ich auch gedacht, das passt wirklich sehr gut. Die beiden Eltern Wilhelm und Irmgard Schnellinger, die standen dem Fußball zunächst eher skeptisch gegenüber, wenn sogar ablehnend. Vater Wilhelm war Prokurist bei einem Türener Unternehmen und für den Vater war eine gute Schulbildung für den Sohn wesentlich wichtiger als Fußball. Und der Vater sah ihn dann auch selten spielen. Er sagte dann, wenn ich dabei bin, verlete ich ja doch immer und außerdem ist die Sache zu aufregend, da bleibe ich lieber zu Hause. Also es ist nicht gerade ein unterstützendes Elternhaus gewesen, zumal auch sein Bruder Gerd und die Schwester Irene gar nicht an Fußball interessiert waren. Aber er hatte Talent und er spielte dann in der C-, der B- und der A-Jugend der Eskidüre 99 und er wurde jeweils Kreismeister.
Speaker1
00:03:42
Das ist ja schon mal ein guter Hinweis darauf, dass er Talent hat.
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00:03:44
Und Ehrgeiz und auch Mannschaften pushen konnte. Mit 15, 1954 wurde er dann in die Mittelrhein-Auswahl berufen. Mit 16 Jahren berief ihn dann ein Jahr später Detmar Kramer zu einem Jugendspielerlehrgang des Westdeutschen Fußballverbandes. Also er war überregional aufgefallen.
Speaker1
00:04:00
Da war der Detmar Kramer schon aktiv, ja?
Speaker0
00:04:03
Jaja, der spätere kleine Napoleon beim FC Bayern. Bei Düren 99 entwickelte sich Schnellinger sehr schnell zu einer herausragenden Persönlichkeit. Und sein Köln war sogar so groß, dass man ihn bei einem Freundschaftsspiel einmal unter falschem Namen in der ersten Mannschaft einsetzte. Da war er noch nicht mal volljährig. Und da zeigt er sich eine Eigenschaft, die ihn in seiner gesamten Karriere begleiten sollte. Er wollte nämlich nicht nur Tore verhindern, sondern auch selbst nach vorne spielen und Tore vorbereiten und auch Tore erzielen.
Speaker1
00:04:33
Ja, das klingt nach einem modernen Außenspieler.
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00:04:36
Dann war er dann aus der 57, 58, wurde er 18 und damit war er spielberechtigt für die Seniorenmannschaft der SG Dürre 99. Die wiederum spielte in der damaligen 2. Liga West, also eine Klasse unter der erstklassigen Oberliga. Und er machte auch gleich 21 Spiele und er schoss sogar sechs Tore. Ein Jahr vorher hatte er schon den Weg in die Nationalmannschaften des DFB gefunden. Denn im Dezember 1956 berief ihn Helmut Schön zu einem Lehrgang in die niedersächsische Sportschule Barsinghausen als Kandidaten für ein baldiges UEFA-Jugendturnier in Spanien. Helmut Schön, das muss man dazu sagen, war seit 1956 Assistent von Bundestrainer Sepp Herberger und er war da auch zuständig für die B-Mannschaft, die Amateurauswahl und die Jugendnationalelf bei den UEFA-Turnieren.
Speaker1
00:05:21
Ja, und er war später ja dann natürlich auch Nationaltrainer.
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00:05:24
Ja, ich habe das extra mal nachgeschlagen. Der war ab 1964 dann Bundestrainer. Ja, es gab auch dann so einige Testspiele vor diesem UEFA-Turnier und bei einem erschien auch der Bundestrainer selbst, Sepp Herberger. Und der sagte dann sehr bedeutungsschwere Worte wie, ach so, das ist der Schnellinger. Und seinem 18. Geburtstag, dem 31. März 1957, spielte er dann erstmals für eine DFB-Jugendauswahl. Daraufhin wurde er dann im Frühjahr des Jahres 57 für die Westdeutsche Jugendauswahl nominiert, welche dann als deutsche Jugendnationalmannschaft im April 57 am UEFA Junioren-Turnier in Spanien teilnahm. Er spielte unter anderem mit einem Fritz Pott, der sollte dann später sein Mannschaftskollege in der Abwehr beim 1. FC Köln werden. Und im dritten Spiel, im damals auch schon weltberühmten Estadio Santiago Bernabeu in Madrid, trotzten die Deutschen dann den favorisierten Gastgebern Spanien vor 110.000 Zuschauern ein 2 zu 2 ab. Es hatte vorher eine nette Episode gegeben, denn besagter Fritz Pott und auch Karl-Heinz Schnellinger, die hatten Flugangst und man flog noch nicht nonstop von Deutschland nach Madrid, sondern man landete zwischen in Zürich. Und der Flug war wohl so angsteinflößend für die beiden Jungen, dass sie während die Mannschaft auf Stadtrundfahrt in Zürich ging, zum Bahnhof marschiert, in der festen Absicht, nicht mehr zu fliegen. Naja, aber sie wurden dann doch vernünftig und man flog dann doch gemeinsam nach Madrid zum Turnier.
Speaker1
00:06:48
Naja, dabei ja fliegen auch wirklich noch eine Besonderheit.
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00:06:51
Ende 57, am 12. Oktober kam er dann in England zum Einsatz in der Amateur-Nationalmannschaft. Das war sein einziges Amateur-Nationalmannschaftsspiel. Er war ja immer noch erst 18 und man gewann erneut 3 zu 2 gegen die englischen Amateure. Und spätestens nach diesem Länderspiel im Dress der Amateur-Nationalmannschaft wurde er von Helmut Schön für höhere Aufgaben empfohlen. Und die Weltmeisterschaft 1958 in Schweden stand vor der Tür. Im März 1958 hielt Schnellinger dann eine Einladung von Sepp Herberger und Sepp Herberger soll ihm eine denkbar einfache Frage gestellt haben. Haben Sie einen Reisepass? Er hatte. Schnellinger war zu diesem Zeitpunkt gerade erst 19 und der junge Abwehrspieler, Blond, 1,80, spielte ja für die SG Düre 99 auch bisher nur Zweitklassig. Es gab also noch einen inoffiziellen Test gegen die Schweiz vor Abflug nach Schweden und der Kicker schrieb folgendes. Dieser Läufer, Schnellinger, fiel von Beginn an auf. Zunächst durch seine stramme Statur und seinen leuchtenden Blondschopf, als dann durch seine überaus solide Spielweise später, passend zu seinem Namen, durch schnelles Laufen und schnelles Handeln. Herberger lobte ihn typisch unterkühlt mit den Worten, vielleicht wird noch was aus Ihnen, Schnellinger.
Speaker1
00:08:05
Oh, das ist ja dann schon ein Lob, sozusagen.
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00:08:08
War wohl, ja genau. Am 2. April 1958 debütierte der blutjunge Verteidiger aus der 2. Liga West in einem Freundschaftsspiel vor 50.000 Zuschauern in Prag gegen die Tschechoslowakei in der deutschen A-Nationalmannschaft. Also ein wirklich kometenhafter Aufstieg. Aber er spielte nicht Verteidiger, sondern im Mittelfeld als linker Läufer. Es gab da in der Abwehr noch zu große Verteidigerkonkurrenz mit den prominenten Spielern Stollenberg, Erhard und Juskowiak. Die Deutschen verloren zwar mit 2 zu 3, doch Schnellinger überzeugte. Herberger äußerte sich zufrieden. Er hat sich in unseren starken Abwehrblock hineingespielt. Und er erinnert mich in manchen Szenen an den sprunggewaltigen jungen Josef Jupposipal.
Speaker1
00:08:49
Das ist ja schon mal ein guter Vergleich.
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00:08:51
Er war 1954 Weltmeister geworden, spielte aber da schon nicht mehr. Damit war der Weg nach oben frei und wohl auch zur WM. Ja, die WM 1958 in Schweden begann am 8. Juni 1958 und Sepp Herberger nahm ihn wirklich mit. Das war damals eine Sensation. Zeitungen titelten wie ein Oberschüler, ein Penäler in der nationale Welt, denn er war ja immer noch Gymnasiast. Herberger wollte, dass Schnellinger internationale Erfahrungen sammeln sollte und setzte ihn im zweiten Spiel der Vorrunde ein. Das erste Spiel hatten die Deutschen gegen Argentinien mit 3 zu 1 gewonnen. Und so wurde Schnelliger der bis dato jüngste deutsche WM-Spieler aller Zeiten. Er spielte am 11. Juni 1958 in der Vorrunde Im Gruppenspiel gegen die Tschechoslowakei in Helsingborg beim 2 zu 2 nach 0 zu 2 Rückstand im Mittelfeld in der Läuferei. Neben Georg Stollenberg, 1. FC Köln und Horst Schemaniak. Also man sieht, das war alles noch eine ganz andere Generation damals. Fritz Walter spielte noch mit, Helmut Rahn, die 54er Weltmeister, Hans Schäfer, der 1. FC Köln Kapitän und Weltmeister. Dazu der junge Uwe Seeler und der junge Bernie Kloth vom FC Schalke. Das waren so seine Mitspieler. Ja, und für die Dauer, das habe ich mal ein bisschen nachgelesen, von 64 Jahren bis zur WM 2022, als er von Yusufa Moukoko abgelöst wurde, war Schnellinger der jüngste deutsche Spieler, der bei einer Weltmeisterschaft zum Einsatz kam.
Speaker1
00:10:10
Das ist ja echt interessant, dass er so der Jüngste war. Ich meine, zu der Zeit wurde man ja auch nicht so schnell Nationalspieler eigentlich.
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00:10:16
Absolut nicht. Ja, im dritten Gruppenspiel, einem 2 zu 2 gegen Nordirland, wurde er dann wieder nicht eingesetzt. Deutschland war aber mit nur vier Punkten aus drei Spielen Gruppensieger geworden. Im Viertelfinale wurde Schnelläger auch nicht eingesetzt, wo die Deutschen mit Jugoslawien auf einen deutlich schwierigeren Gegner trafen. Und nach einer frühen 1-0-Führung durch Helmut Rahn brachte man das Spiel dann mühsam über die Zeit und war damit, wie 1954, erneut fürs Halbfinale qualifiziert. Ein Erfolg. Dort traf man auf den Gastgeber Schweden in einem bis heute umstrittenen und emotionalen Spiel der sogenannten Schlacht von Göteborg.
Speaker1
00:10:51
Ist das der Ausruf, her, her, her, der da in
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00:10:54
Schweden gezeichnet wurde? Ja, angeblich war das ja alles so fanatisch und für die Deutschen ganz furchtbar und auch ungewohnt, diese Anfeuerungsrüfe der Schweden, des ganzen Stadions gegen die Deutschen. Was objektiv klar ist, was Fakt ist, unrühmlicher Höhepunkt war in der 60. Spielminute der Platzverweis für den deutschen Verteidiger Erich Uskowiak in seinem 25. Länderspiel nach einem Revanchefall am schwedischen Stürmer Kurt Hamrin. Und dann verloren die Deutschen auch noch einen weiteren Spieler. In der 75. Minute musste Fritz Walter nach einem Foul seines Gegenspielers Perling vom Platz getragen werden. Zwei späte Tore in der 81. und 88. Minute besiegelten dann den 3-1-Sieg der Schweden.
Speaker1
00:11:34
Ja, mit zwei Mann weniger, kein Wunder. Auswechseln gab es ja noch nicht.
Speaker0
00:11:37
Nein, da gab es noch kein Auswechseln. Man muss vielleicht dazu sagen, das Spiel wird in Deutschland oder wurde in Deutschland sehr kritisch bewertet. Angeblich wurden schwedischen Autos die Reifen durchgestochen und in der deutschen Öffentlichkeit, auch beim DFB, sprach man sehr schnell von einem Skandalspiel. Die Schiedsrichterleistung galt als einseitig, die Schweden begünstigend und deren Spielweise als brutal. Wobei die Spieler selber und Sepp Herberger dem Gegner sportlich gratulierten. Sie hatten verdient, gewonnen und Helmut Rahn beispielsweise muss gesagt haben, ich dachte nur an das Spiel, da konnte schreien und pfeifen, wer wollte. Kurz und gut, man spielte dann um Platz 3 gegen die Franzosen. Da kam Schnelliger zum zweiten Mal bei der WM 58 zum Einsatz. Die Deutschen mussten um Platz 3 stark ersatzgeschwächt auflaufen. Skowiak war gesperrt, Fritz Walter verletzt, Uwe Seeler und Wolfgang Eckel ebenfalls angeschlagen. Die Deutschen traten also mit einer halben Reserveelf auf. Ja, warum sage ich das? Denn Deutschland verlor. Und man verlor nicht nur, man unterlag deutlich mit 3 zu 6. Und der französische Stürmer Gilles Fontaine erzielte allein vier Tore. Und er kam damit auf insgesamt 13 Treffer und das ist bis heute Rekord bei einer Weltmeisterschaft. Er wurde Torschützenkönig. Und warum ist das so besonders vielleicht auch noch? Also Gilles Fontaine traf in jedem seiner sechs Spiele und er brauchte für die 13 Tore nur 18 Torschüsse.
Speaker1
00:12:53
Boah, ja gut, das wird auch bei so vielen Spielen wie bei der letzten WM schwierig werden, 13 Tore zu schießen.
Speaker0
00:13:00
Ja, das ist mega effizient. Ja, und wer war sein Gegenspieler? Unter anderem Karl-Heinz Schnelling. Und er sagte dann später launig, er, Schnellinger, habe Juist Fontaine dabei geholfen, WM-Torschützenkönig zu werden. Für Schnellinger hatte das Turnier aber etwas Entscheidendes verändert. Aus dem jungen Spieler aus Düren war nun auch ein international bekannter Fußballer geworden. Nach der Weltmeisterschaft gab Schnellinger seine schulische Ausbildung zwei Jahre vor dem Abitur in der 11. Klasse oder damals Obersekunder genannt zugunsten des Fußballs auf und begann eine kaufmännische Lehre beim Warenhauskonzern Kaufhof. Der Vater hatte zwar auf das Abitur gedrängt, aber der Fußball und die Zeit in Form von Reisen, Lehrgängen und Training ließen sich einfach nicht mehr mit der Schule, zumindest für Schnellinger, nicht vereinbaren. Denn trotz seiner Jugend- und Amateurländerspiele und der zahlreichen Auswahlspiele genoss Schnellinger keinerlei Privilegien am naturwissenschaftlichen Gymnasium seiner Geburtsstadt Düren. Er ging also ohne Abitur von der Schule ab und machte dann seine Fußballlehre später beim westdeutschen Spitzenklub 1. FC Köln in der Oberliga West.
Speaker1
00:14:02
Ja, die hatten ja auch gute Verbindungen zum Kaufhof.
Speaker0
00:14:05
Ganz genau. Ja, der Wechsel nach Köln. Nach der WM 58 war klar, dass Schnellinger nicht mehr lange in Düren bleiben würde. Bereits im Umfeld der Weltmeisterschaft knüpfte der FC-Boss Franz Krämer bereits erste Kontakte zu Schnellinger. Der FC-Schatzmeister Richard Pelzer brachte schließlich die Verpflichtung nach der Weltmeisterschaft mit Wirkungen zur Saison 58-59 unter Dach und Fach. Es gibt eine besonders schöne Anekdote, die Schnellinger später über den Besuch des Kölner Schatzmeisters Richard Pelzer bei seinen Eltern erzählte. Schnellinger meinte, ich hatte Angebote von Alemannia Aachen, 1. FC Kaiserslautern und Rot-Weiß-Essen. Pelzer war dann bei uns zu Hause und sagte zu meinen Eltern, ich weiß, dass schon viele bei Ihnen waren und Ihren Sohn haben wollen. Letztendlich müssen Sie entscheiden, aber ich bin der Meinung, dass die Schuhe Ihres Sohnes abends am Bett bei Ihnen zu Hause stehen sollten. Meine Mutter sagte dann zu meinem Vater, Wilhelm, das hat uns aber noch keiner gesagt. Und da war die Sache gelaufen.
Speaker1
00:15:02
Clevere Strategie von dem.
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00:15:04
Er hat sich die Eltern gewogen gemacht. Im August 1958 unterschrieb Schnellinger beim 1. FC Köln. Beim 1. FC Köln formte man ihn dann zum Weltklassespieler, der alle Facetten des Spiels meisterlich beherrschte. Kaum ein Akteur der damaligen Zeit beherrschte auch das Sliding Tackling, das Grätschen so perfekt wie Schnellinger. Und oft stritten die Experten darüber, wo dieser unfassbar gute Fußballer am besten aufgehoben war. In der Verteidigung oder als Läufer, also im Mittelfeld, wo er den Sturm noch idealer ankurbeln konnte. Den Offensivdrang ließ er sich als Verteidiger aber sowieso nicht nehmen. So wurde der beidfüßig starke 1,80-Athlet nicht nur bei den Geißbürgen, sondern auch in der Nationalmannschaft zur Stammkraft. Und bei den Geißbürgen erhielt er wegen seiner rotblonden Haare auch noch einen neuen Spitznamen, und zwar De Fuss.
Speaker1
00:15:53
Ja, wie man in Köln sagt, ja.
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00:15:55
Genau. Und der Trainer Peter Schabow debütierte dann am 2. November 1958 beim Auswärtsspiel bei Rot-Weiß Oberhausen in der Oberliga West. Man verlor, aber erbildete mit Georg Stollenberg dann im sogenannten WM-System das Verteidigerpaar des 1. FC Köln.
Speaker1
00:16:11
Das hast du ja schon mal erklärt in einer ganz frühen Folge von uns, was das WM-System ist.
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00:16:15
Oh ja, das kam ja aus England von Herbert Chapman vom Arsenal London, was da dann erstmals, also der erste Bundestrainer, Prof. Dr. Otto Nertz, dann im deutschen Nationalteam eingeführt hat, Ende der 20er Jahre. Aber wir gehen zurück in die Jahre, in die Ende der 50er Jahre. Am Ende der Saison 58-59 hatte Schnellinger 19 Oberligaspiele für den 1. FC Köln absolviert und Köln erreichte mit der Vizemeisterschaft hinter, man höre und staune, Westfalia Herne als Oberligameister West, der als Zweiter eben den Einzug in die Endrunde um die deutsche Fußballmeisterschaft. Also der Meister und der Vizemeister spielten dann diesen Pokalwettbewerb mit anderen Oberligameistern um die deutsche Fußballmeisterschaft. In seiner ersten Endrunde bestritt ein Schnelllinger 1959 auch alle sechs Gruppenspiele gegen Eintracht Frankfurt, den FK Pirmasens und Werder Bremen. Die SG Eintracht erwies sich aber als zu stark und gewann diese Gruppe und wurde dann auch deutscher Fußballmeister. Und die haben dann im Jahr darauf das Finale im Europapokal der Landesmeister erreicht gegen Real Madrid und einem sensationellen Finale mit 3 zu 7 verloren. Aber immerhin, legendäres Finale. Ja, im Privatleben wurde es dann auch immer enger mit Köln für Karl-Heinz Schnellinger. Er war mit seiner damaligen Lebensgefährtin Ursula dort hingezogen. Er sollte 1961 dann Ursula heiraten und man wohnte zunächst im Haus des Kölner Präsidenten Franz Krämer. Fand ich auch sehr ungewöhnlich, dass da so eine Art Wohngemeinschaft herrschte. Und gleichzeitig arbeitete Schnellinger in Krämers Geschenk- und Werbeartikelfirma. Damit es noch enger wird, wurde dann Krämers Ehefrau Lieselotte, später sogar Patin einer Tochter von den Schnellingers. Naja, und Fußball und Beruf waren damals ohnehin noch etwas völlig anderes als heute. Schnellinger war natürlich kein Fußballprofi im heutigen Sinne beim 1. FC Köln. Vom Trainingsaufwand vielleicht schon. Aber offiziell durften die deutschen Fußballer ja noch nicht um Geld spielen. Sie waren Vertragsspieler mit nominellen bürgerlichen Berufen und zu Anfang gab es auch nur 320 D-Mark pro Monat als Grundgehalt plus Prämien und ähnliches. Ja, die nächste Saison stand an, 1959-60 und der 1. FC Köln mit Karl-Heinz Schnellinger wurde Meister der Oberliga West. Deutlichen 7-Punkten-Vorsprung vor dem Titelverteidiger Westfalia Herne. Also erneut Endrunde um die deutsche Meisterschaft für den 1. FC Köln. Neue Chance, neues Glück. Diesmal in der Gruppe traf man auf Werder Bremen, Tasmania 1900 Berlin und erneut den FK Pirmasens als Meister der Oberliga Südwest. Die kennt ja heute fast keiner mehr. Die Kölner waren mit 9 zu 3 Punkten dann auch deutlich Gruppensiege mit einem Punkt vor Werder Bremen. Das erste Endspiel um die deutsche Meisterschaft für Schnellling und den 1. FC Köln fand dann am 25. Juni 1960 im Frankfurter Waldstadion statt. 71.000 Zuschauer und vielleicht sollte man die Kölner Elf kurz nennen. Im Tor Fritz Ewert, das Abwehrduo Georg Stollenberg und Karl-Heinz Schnellinger, beide aus Düren. Dann die Mittelläufer Josef Jibröhrisch, Leo Wilden und Hans Sturm. Und dann die Sturm-Reihe mit Helmut Rahn, Christian Breuer, Christian Müller, Hans Schäfer und Karl-Heinz Thielen.
Speaker1
00:19:18
Das sind ja wirklich sehr bekannte Kölner Spieler. Also für Kölner sind das ja Legenden.
Speaker0
00:19:23
Ja und Hans Schäfer war ja auch Weltmeister.
Speaker1
00:19:25
Ja und Karl-Heinz Thielen war ja später Manager vom 1. FC Köln.
Speaker0
00:19:29
Ja, einer der ersten hauptberuflichen Manager, wenn nicht der Erste in der Bundesliga. Ja, die Hamburger hatten auch, wenn man das so ein bisschen so durchgeht, ganz bekannte Namen im Tor. Horst Schnur, der Mann mit der Mütze. Dann waren die Seeler-Brüder Dieter Seeler, Uwe Seeler. Da war ein Klaus Stürmer, da war ein Gerd Dörfel. Also eine sehr starke Mannschaft. Letztlich gewann der HSV in der 86. Minute mit 3 zu 2 eine ganz spannende Torfolge. Erst in der 53. Minute treffen beide Mannschaften. Erst für Köln Christian Breuer, dann gleicht Uwe Seeler in der gleichen Minute aus. Dann passiert lange nichts. Es bleibt am 1-1. Dann 81. Minute, Gerd Dörfel 2-1 für Hamburg. 85. Ausgleich Christian Müller. Und in der 86. Trifft Uwe Seeler zum 3-2 in der HSV als deutscher Meister. Aber so gestärkt soll deutscher Vizemeister gegen den der 1. FC Köln und Karin Schnelling in die Saison 1960-61. Und natürlich, der 1. FC Köln wurde erneut Meister der Oberliga West. Konnte seinen Titel verteidigen mit drei Punkten vor Borussia Dortmund. Man spielte dann in einer Endrundengruppe mit dem 1. FC Nürnberg, Werder Bremen und Hertha BSC Berlin und errang diesmal nur Rang 3 mit recht mageren fünf Punkten. Hatte aber insofern die Befriedigung, mit dem späteren deutschen Meister, dem 1. FC Nürnberg, in einer Gruppe gespielt zu haben, die den westdeutschen Vizemeister Borussia Dortmund in Hannover dann im Finale mit 3 zu 0 besiegten. Man hatte also Ehrgeiz, wann würde man endlich deutscher Meister werden? Westmeister, das kannte man jetzt ja. Also die Saison 1961-62, ein neuer Anlauf. Der 1. FC Köln wurde zum dritten Mal in Folge Oberliga-Westmeister mit Karl-Heinz Schnelliger. Diesmal sehr knapp, mit nur einem Punkt vor dem FC Schalke 04. Aber die Saison 1961-62 sollte zum großen Erfolg für Kanan Schnellinger und für den 1. FC Köln werden. Denn die Kölner gewannen ihre Vorrundengruppe. Diesmal gab es nur drei Spiele, jeweils eines gegen Eintracht Frankfurt, gegen den Hamburger SV und gegen den FK Pirmasens. Der 1. FC Köln holte 6 zu 0 Punkte und 14 zu 1 Tore, davon aber die meisten in nur einem Spiel. Am 5. Mai 1962 gewannen die Kölner mit 10 zu 0 im Müngersdorfer Stadion gegen den FK Pirmasens. Trainer, der Geistböcke war, der uns allen sicherlich noch bekannte, Zlatko Csik-Tchaikowski.
Speaker1
00:21:40
Ah, der Csik. Der war ja auch bei Bayern sehr erfolgreich.
Speaker0
00:21:44
Der kleines, dickes Müller, Gerd Müller auch ganz groß gemacht hat. Wie auch Sepp Mayer und Franz Beckenbauer. Aber wir sind noch viel früher und da ist er noch beim 1. FC Köln, der entscheidende Trainer. Und am 12. Mai 1962 im Berliner Olympiastadion von 82.700 Zuschauern traf man auf den deutschen Rekordmeister, den damaligen deutschen Rekordmeister, den 1. FC Nürnberg.
Speaker1
00:22:07
Top-Spiel.
Speaker0
00:22:08
Da war insbesondere noch Maxl Morlock, auch ein Weltmeister von 1954 in der Mannschaft. Im Tor Roland Wabra, den kennt man noch im Mittelfeld, Ferdinand Nandl, Wehnauer, aber die hatten keine Chance. Der 1. FC Köln schlug sie deutlich mit 4 zu 0 und Schäfer, zweimal Habig und Pott schossen den Sieg dann für den 1. FC Köln heraus und Karl-Heinz Schnellding und der 1. FC Köln waren beide zum ersten Mal deutscher Fußballmeister. Der bislang größte Erfolg seiner Spielerkarriere wie auch des Vereins.
Speaker1
00:22:39
Ja, da war der 1. FC Köln ja eine Top-Adresse in den Jahren, immer ganz vorne dabei.
Speaker0
00:22:44
Absolut, also wirklich ganz, ganz vorne und auch mit dem Anspruch, immer gewinnen zu wollen. Das war eben der Boss Franz Krämer auch. Ja, wenige Wochen später ging es dann aber schon zur Weltmeisterschaft 1962 in sehr weite, südliche, entfernte Chile.
Speaker1
00:22:58
Oh Gott, die Armen.
Speaker0
00:22:59
Er war eine feste Größe im Herbergersystem und in der Nationalmannschaft. Und sein Kapitän im 1. FC Köln, wie auch in der Nationalmannschaft, war der letzte verbliebene Held von Bern, Hans Schäfer. Die WM 1962 war dann sehr defensiv geprägt von allen Mannschaften, sehr eher destruktive Spielweise. Es war keine so insgesamt sehr schöne offensive Weltmeisterschaft. Und das deutete sich dann so ein bisschen auch in der Vorrunde an, obwohl die Deutschen in ihrer Gruppe B mit 5 zu 1 Punkten deutlich die Gruppensiege davon trugen. Bei einem 0-0 gegen Italien gab es ein 2-1 gegen die Schweiz und dann gegen den Gastgeber Chile ein 2-0. Also recht knappe Ergebnisse. Mit vier Toren fünf Punkte zu machen, das war schon sehr effizient. Leider schied die deutsche Nationalmannschaft dann am 10. Juni 1962 im chilenischen Santiago de Chile durch eine späte 0-1-Niederlage bereits im Viertelfinale gegen Jugoslawien aus. Obwohl die deutsche Elf nicht über das Viertelfinale hinauskam, hinterließ Schnellinger persönlich einen starken Eindruck, Denn er und die deutsche Abwehr mussten in vier Spielen nur zwei Gegentreffer hinnehmen.
Speaker1
00:24:02
Okay, das klingt ja gut.
Speaker0
00:24:04
Bei der ansonsten aus deutscher Sicht enttäuschenden Weltmeisterschaft in Chile gehört Schnellinger zu den wenigen Gewinnern. Vom Kicker erhielt er in allen vier deutschen Spielen die Note 1. Ja, und auch international wird Schnellinger als einer der besten Abwehrspiele des Turniers gewürdigt. Und er gehörte dann auch dem All-Star-Team der Weltmeisterschaft an. Es wurde dann ja gewählt. Apropos Wahl, am 27. Oktober 1962 wählten die deutschen Sportjournalisten Karl-Heinz Schnellinger zum Fußballer des Jahres vor seinem Kapitän Hans Schäfer. Sogar bei der Wahl zu Europas Fußballer des Jahres belegte er, obwohl er Abwehrspieler war, den dritten Platz. Sehr ungewöhnlich, aber das zeigt, wie stark er in der europäischen Sportpresse wahrgenommen wurde. Und damit war eins auch endgültig klar, Karl-Heinz Schnellinger gehörte zur Weltspitze. Und bereits da, 1962, lagen dem 1. FC Köln zahlreiche Angebote anderer Klubs auch aus dem Ausland für den Nationalspieler vor. Doch Schnellinger wollte noch nicht wechseln. Ja, 1962-63, die darauffolgende Oberliga-West-Saison zeigte unverändert den 1. FC Köln als Meister. Zum vierten Mal in Folge westdeutscher Meister, wenn auch nur mit zwei Punkten vor Borussia Dortmund. Ja, und dann gab es die Gruppenspiele in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft. Diesmal wieder sechs Spiele gegen den 1. FC Nürnberg, den Rekordmeister, dann gegen Hertha BSC Berlin und gegen den 1. FC Kaiserslautern. Die Kölner waren der Titelverteidiger und sie zeigten, dass sie weiter in guter Form waren. 10 zu 2 Punkte und 29 zu 12 Tore sicherten den klaren Gruppensieg. Man war ungeschlagen, man spielte nur zweimal unentschieden und damit erneut im Endspiel. Am 29. Juni 1963 im Stuttgarter Neckarstadion traf man auf den westdeutschen Vizemeister Borussia Dortmund. Also ein rein westdeutsches Finale.
Speaker1
00:25:47
Es geht nicht gut aus für Köln, glaube ich.
Speaker0
00:25:50
Wir wissen das ja. Die 75.700 Zuschauer im Neckarstadion waren trotzdem sehr hoffnungsfroh auf ein ausgeglichenes Spiel. Aber das war es dann nicht wirklich. Bereits in der 9. Minute erzielte Hoppy Kurat das 1 zu 0 für Borussia Dortmund. Nach der Pause erhöhte Reinhold Wosab auf 2 zu 0 und dann in der 65. Aki Schmidt auf 3 zu 0. Damit war das Ding gegessen. Aber wir sind ja bei Karl-Heinz Schnellinger. Er schoss den Ehrentreffer für den 1. FC Köln in der 74. Minute zum Endstand von 1 zu 3. Karl-Heinz Schnellingers Treffer zum 1 zu 3, denn das war zugleich das letzte Tor in der Geschichte der deutschen Oberliga. Die wurde in der folgenden Saison 1963-64 durch die eingleisige Bundesliga ersetzt.
Speaker1
00:26:35
Ja, für den 1. FC Köln auch eine sehr schöne Saison.
Speaker0
00:26:37
Denn sie wurden deutscher Meister, ganz genau. Erster Bundesligameister. Aber, ich nehme es vorweg, ohne Karl-Heinz Schnellinger.
Speaker1
00:26:45
Ah, okay.
Speaker0
00:26:46
Denn der ging dann wirklich ins Ausland. Was hat Schnellinger für den 1. FC Köln geleistet? 1958 bis 1963? Insgesamt 209 Spiele, davon 178 Pflichtspiele, davon wiederum 131 in der Oberliga, 8 Tore geschossen, 30 Endrundenspiele um die deutsche Meisterschaft mit einem Tor, einmal deutscher Meister, zweimal deutscher Vizemeister, kann sich sehen lassen.
Speaker1
00:27:10
Ja, auf jeden Fall auch noch für den 1. FC Köln natürlich eine Wahnsinnszeit.
Speaker0
00:27:13
Ja, eine absolute Glanzzeit und bis zuletzt mit Hans Schäfer, dem 54er Weltmeister, kann man immer wieder festhalten, der hat ja noch sehr lange gespielt. Aber Karl-Heinz Schnellinger ging ins Ausland. Und da wurde er eigentlich auch so ein bisschen von Franz Krämer, ja nicht bedrängend, aber das wurde ihm nahegelegt. Denn, wie erzählt Karl-Heinz Schnellinger es selber mit seinen Worten, eines Tages kam Franz Krämer, der Boss, auf mich zu und sagte, Die Römer wollen dich haben. Die bieten so viel Geld, so viel kannst du hier nie verdienen. Man muss vielleicht nochmal einflechten, dass es ja zu der Zeit 1962 nur 400 D-Mark im Monat als Vertragsspieler in einer deutschen Oberliga gab.
Speaker1
00:27:52
Da hast du ja auch schon mal ausführlich zu der Entwicklung der Bundesliga schon mal zu erzählen.
Speaker0
00:27:57
Stimmt, da kann man deutlich mehr noch hören. Vielleicht auf Schnellinger nochmal zugeschnitten, das waren ja keine 5000 D-Mark im Jahr. Nicht wenig sicherlich, aber viel weniger als in Italien. Man muss jetzt vielleicht auch Leute, die das damals nicht gehört haben, kurz noch ergänzen, neben dieser Grundvergütung waren meist nur geringe Prämien erlaubt und die Spieler mussten eben, wie gesagt, offiziell einem bürgerlichen Beruf nachgehen. Aber es gab natürlich noch heimlich Schwarzgeld, es gab illegale Handgelder, es gab Prämien für angebliche Sponsoren oder Werbeauftritte oder der Verein finanzierte Autos und Wohnungen. Aber all das war trotzdem im Vergleich zu Italien und Spanien wenig. Und so riet eben der damalige FC-Präsident Franz Krämer Karl-Heinz Schnelliger zum Wechsel zur AS Rom. Du musst das machen, waren seine Worte. Tja, und so wechselte der große Blonde 1963 vor Einführung der deutschen Bundesliga als einer der ersten deutschen Legionäre, so wurden die ja genannt. Was ich wiederum erfrischend finde, er machte aus seinen Motiven nie ein Geheimnis, denn Schnelliger wechselte natürlich vor allem des Geldes wegen nach Italien.
Speaker1
00:28:59
Ja, ist völlig legitim, da kann man ja auch nichts gegen sagen.
Speaker0
00:29:02
Aber ich fand es spannend, dann festzustellen, der hat das also auch ganz deutlich gesagt. Der hat dann 1967 in dem Interview Folgendes gesagt. Im Gegensatz zu Deutschland konnte man in Italien als Fußballer wirklich gut verdienen. In Italien spiele ich, um möglichst viel Geld zu verdienen. Den Schritt nach Italien gewagt zu haben, habe er auch deshalb nie bereut. Ich bin froh darüber, denn ich habe viel gesehen, viel gelernt und viel gewonnen und wir haben uns auch sehr amüsiert. Wenn die Bundesliga etwas früher gekommen wäre, wäre ich vielleicht sogar geblieben, sagte er 2019 im Kicker. Boss Franz Krämer und Schatzmeister Richard Pelzer führten dann die Verhandlungen mit den italienischen Unterhändlern der AS Rom. Für damalige Verhältnisse unglaubliche Ablöse von 1,12 Millionen D-Mark wechselte Schnellinger dann im Anschluss an die Vizemeisterschaften zur AS Rom.
Speaker1
00:29:50
Es ist ja Wahnsinn, über eine Million. Wenn man daran denkt, dass die Bundesligisten oder der 1. FC Köln ja für den Roga von Gohl erst wesentlich später mal eine Million D-Mark ausgegeben haben.
Speaker0
00:30:01
Das war eine brutal hohe Summe, ja. Und gerüchteweise, angeblich soll Schnellinger aus dieser Transfersumme ein Handgeld in Höhe von 300.000 bis 350.000 D-Mark gehalten haben.
Speaker1
00:30:11
Ja, da hat er schon ausgesorgt.
Speaker0
00:30:12
Das war ordentlich bei der Kaufkraft. Der Wechsel nach Italien zur AS Rom war zunächst etwas kompliziert, denn die AS Rom hatte bereits zwei Ausländer verpflichtet. Und mehr durften damals in der Serie A nicht spielen. Also die Ausländerplätze waren belegt. Deshalb wurde Schnellinger direkt an den AC Mantua, die auch in der Serie A spielten, verliehen. Der AC Mantua hieß aber zu der Zeit gar nicht AC Mantua, sondern Odzo Mantua. Bis 1960, denn der Name wurde von der ortsansässigen Mineralöl-Raffinerie Ozzo abgeleitet, die Hauptsponsor der Mantuaner war. Ja und dort lernte er dann aber den italienischen Fußball kennen, den Catenaccio, das sehr defensiv geprägte, aber er entwickelte sich auch taktisch weiter. Nachdem Schnelliger in Mantua eine starke Saison gespielt hatte, die aber nur 13. Von 18. Vereinen geworden waren, kehrte er 1964-65 zur AS Rom zurück und wurde dort auf verschiedenen Positionen eingesetzt. Und bereits im September der Saison 1964 gewann er mit der AS Rom seinen ersten nationalen Titel in Italien. Ich war etwas überrascht, denn ich habe dann nachgelesen, dass sie die Coppa Italia gewann. Und das bereits im September, weil dieser Wettbewerb bereits seit September 1963, also in Italien liefen dann die Pokalwettbewerbe gern auch mal ein ganzes Jahr. Die AS Rom traf im Finale auf den AC Turin. Es gab aber ein Wiederholungsspiel, weil es im ersten Spiel nur ein 0 zu 0 gab. Das Wiederholungsspiel gewann dann die AS Home mit Karl-Heinz Schnellinger mit 1 zu 0. Im Tor war ein gewisser Fabio Cudicini, den werden wir später wieder treffen.
Speaker1
00:31:44
Ja, ich kann mir vorstellen, wo?
Speaker0
00:31:47
Ich auch. In Italien wurde aus Cali, wie er in Düren hieß, oder De Fuss zum 1. FC Köln schließlich Carlo Il Biondo, der blonde Carlo. Ja, mit der Roma in der Liga lief es nicht so gut, die wurden nur Zehnter der Serie A. Schnellinger war Stammspieler, ab 29 Spiele ein Tor für die AS. Und dann während der Saison quasi noch der Ritterschlag. Im Februar 1965 wurde Stanley Matthews 50 und er plante, seine Spielerkarriere zu beenden. Er sollte dann mit 50 Jahren, 5 Tagen, der bis heute älteste aktive Feldspieler der englischen 1. Liga sein. Er war ja auch der älteste Nationalspieler, 8 Jahre vorher mit 42 Jahren gewesen. Ja, besagt es, Stanley Matthews beendete seine Karriere und mit einem besonderen Spiel verabschiedet werden, und zwar gegen eine Weltauswahl. Stanley Matthews, der auch The Wizard of Dribble oder The Magician genannte, Außenstürmer der englischen Nationalmannschaft wählte, dann auch einen Deutschen aus mitzuspielen. Und zwar Karl-Heinz Schnelling auch. Denn er wollte ihn unbedingt dabei haben. Er sollte auch genau gegen ihn spielen. Er sollte linker Verteidiger dieser Weltauswahl spielen. Er wollte ihn als direkten Gegenspieler, weil er ihn so hoch einschätzte, als den zur damaligen, seit besten linken Verteidiger.
Speaker1
00:32:57
Das ist ja nun wirklich eine Auszeichnung. Wenn so ein Weltstar das sagt, das ist schon...
Speaker0
00:33:03
Und Stanley Matthews, ich habe es nochmal kurz nachgeschaut, war übrigens auch der erste Gewinner des Ballon d'Or 1956 gewesen und er wurde in diesem Jahr 1965 auch noch zum Ritter geschlagen und durfte sich als Sir Stanley nennen. Also es war wirklich ein Stelldichein der Stars, dann am 28. April 1965 in Stoke-on-Trent im Victoria Ground, im damaligen Stadion von Stoke City. Vor 35.000 Zuschauern spielte Schnellinger als einziger Deutscher in einer Weltauswahl mit Größen wie Lev Yashin im Tor, Alfredo Di Stefano, Ferenc Puskas, Laszlo Kubala und Remo Coppa im Sturm. Die Weltauswahl gewann mit 6 zu 4. Und für Schnellinger war dieser Abend eine Bestätigung dafür, welchen Stellenwert er inzwischen im internationalen Fußball besaß. Schätzungsweise 112 Millionen Menschen verfolgten das Ereignis weltweit, im Fernsehen und überwiegend im Radio. Und dann kam der große Schritt zum AC Mailand. Ein Angebot, das ein weiteres Leben bestimmen würde.
Speaker1
00:33:57
Das ist ein Angebot, das man nicht ablehnen konnte wahrscheinlich.
Speaker0
00:34:00
Ja genau, nicht in dem Fall, aber leicht anders formuliert nicht ablehnen wollte. Aber vielleicht auch nicht konnte, denn es war ja schon ein Name der AC Mailand. Zu Beginn der Saison 1965-1966 wechselte Schnelllinge also von der AS Rom zum AC Mailand. In diesem Verein sollte er dann neun Jahre lang bis 1974 treu bleiben. Übrigens habe ich versucht rauszukriegen, was dafür eine Ablöse gezahlt wurde. Es ist nicht rauszukriegen. Es gibt angeblich keine offiziellen Angaben dazu.
Speaker1
00:34:24
Sowas wurde bestimmt nicht versteuert in Italien.
Speaker0
00:34:28
Denke ich auch nicht. Naja, man muss dazu sagen, dass der AC Mailand zwar ein großer Name war, aber in diesen Jahren in der Serie A wenig zu überzeugen wusste. Also Mittelplätze, Einnahmen, Das trotz einer formal guten Offensivreihe, zu der auch zwei brasilianische Stürmer gehörten, Amarildo, der war Weltmeister 62 geworden und Mazzola. Der durfte aber in Italien nicht Mazzola heißen, weil es gab ja Sandro Mazzola, den Sohn von Valentino Mazzola, der bei Inter Milan spielt. Also hieß dieser Brasilianer Mazzola dann bürgerlich, wie er getauft wurde in Italien, José Altafini. Man muss vielleicht dazu sagen, ich hatte den Namen immer schon so im Hinterkopf und der war zu der Zeit in den 60ern einer der erfolgreichsten Torschützen Italiens. Der hat dann 216 Tore in den 60er Jahren geschossen, die meisten für den AC Mailand. Damit ist er wohl immer noch der vierterfolgreichste Torschütze in der Geschichte der höchsten Spielklasse Italiens. Aber trotzdem, da kam nicht viel rum für Milan zu der Zeit. Als Schnellinger da zustieß, neben diesen beiden Brasilianern, spielte dann in der Abwehr ein sehr rustikaler Abwehrspieler, Angelo Anchiletti. Der würde ihn die ganzen neun Jahre begleiten. Und im defensiven Mittelfeld neben Giovanni Lodetti ein uns bekannter junger Mann, Giovanni Trapatton. Ach nein, ich dachte.
Speaker1
00:35:42
Der hätte für Inter Mailand gespielt.
Speaker0
00:35:45
Nee, der war ein Rossoneri. Ja, und dann gab es noch einen sehr rauen, aber sehr zuverlässigen Mandecker namens Roberto Rosato. Und der war sehr rau, hatte aber sehr sanfte Gesichtszüge und deswegen erhielt er den Spitznamen Facciadangelo.
Speaker1
00:36:00
Das hätte auch ein Name eines Mafiosi sein können.
Speaker0
00:36:04
Allerdings, da muss ich auch denken. Ja, der kreative Kopf war das Mittelfeldgenie Giovanni Gianni Rivera.
Speaker1
00:36:11
Der ist sehr bekannt.
Speaker0
00:36:13
Eines der ganz großen Vereinsidolle der Rossoneri und er würde dann später 1969 auch mit dem Ballon d'Or als Europas Fußball des Jahres ausgezeichnet werden. Eine Anekdote habe ich gefunden, die fand ich total nett und zwar 1973 wurde der damalige englische Nationaltrainer Alf Ramsey befragt. Er hatte gegen Italien verloren und wurde dann gefragt, wer sind denn die vier stärksten italienischen Spieler? Darauf antwortete Alf Ramsey, Rivera, Rivera, Rivera und Rivera. Und auch in Schnellingers erste Saison wurde man dann nur Siebter der Serie A. Ja, und bei Milan entwickelte Schnellinger dann im Land des Catenacho, des Abwehrriegels, geprägt von Inter Mailand, sich auch taktisch noch weiter, und galt dann lange als einer der besten Verteidiger weltweit. Und in Mailand beim AC erhielt er einen weiteren Spitznamen, Volkswagen. Wagen. Damit war seine Zuverlässigkeit gemeint. Schnellinger war für seine Mannschaft ein Spieler, auf den man sich praktisch immer verlassen kann.
Speaker1
00:37:11
Diese typische Deutsche, ne?
Speaker0
00:37:13
Absolut. Und dann sind wir schon wieder bei einer Weltmeisterschaft. 1966 steht an. Ab dem 11. Juli 1966 wurde in England gespielt und Schnellinger, der auch in Italien ja immer erfolgreicher geworden war, spielte bereits seine dritte Weltmeisterschaft. Und bei dieser WM im Juli 1966 in England standen neben Schnellinger auch ein Helmut Haller und ein Albert Brülz. Zwei weitere Italien-Legionäre im deutschen Kader, was der Mannschaft durchaus mehr Qualität brachte. Da waren aber auch Jungstars wie Franz Beckenbauer von Bayern München, Wolfgang Overath vom 1. FC Köln und Lothar Emmerich vom Borussia Dortmund dabei. Und Deutschland zählte von Beginn an zu den stärksten Mannschaften des Turniers, nicht zuletzt wegen ihrer Abwehr, die bis zum Finaleinzug dann auch nur zwei Gegentreffer kassieren sollte. In der Gruppenphase begann man deutlich mit einem 5 zu 0 gegen die Schweiz, Dann gab es ein 0 zu 0 gegen Argentinien und dann noch ein 2 zu 1 über Spanien. Man war also Gruppensieger. Im Viertelfinale wartete dann Uruguay auf die bundesdeutschen Spieler, Und die wurden mit 4 zu 0 deutlich geschlagen. Aber es gab auch zwei Platzverweise gegen die Südamerikaner kurz nach der Pause. Und das machte es für die bundesdeutschen Spieler etwas leichter. Im Halbfinale traf die Westdeutsche Elf dann auf die Sowjetunion. Und sie gewann mit 2 zu 1. Treffer zielten die beiden besten bundesdeutschen Spiele des Turniers. Helmut Haller und Franz Beckenbauer. Die Russen kamen spät erst zu einem Anschlusstreffer in der 88. Minute zu spät. Das Endspiel stand an und das fand im legendären Wembley-Stadion... Das ist ja allseits bekannt.
Speaker1
00:38:39
Ja.
Speaker0
00:38:39
Und nach einer dramatischen Partie unterlag man dann mit 2 zu 4 nach Verlängerung dem Gastgeber England das Wembley-Tor, sage ich. Damit hatte Schnellinger mit diesem Vize-Weltmeistertitel erneut einen großen internationalen Erfolg erreicht, aber wieder auch keinen Weltmeistertitel, was ja auch nicht so einfach war zur damaligen Zeit. Und dann gab es noch eine Auszeichnung und für seine Leistungen erhielt er im Anschluss das silberne Lorbeerblatt, die höchste staatliche Auszeichnung für sportliche Spitzenleistungen in der Bundesrepublik Deutschland. Und dann folgten dann auch die goldenen Jahre in Mailand. In der anschließenden Saison 1966-67 gewann er seinen ersten Titel mit den Rossoneri unter dem italienischen Trainer Arturo Silvestri. Und ich muss es einfach sagen, er hat einen unglaublich sympathischen Spitznamen, Sandokan.
Speaker1
00:39:25
Wie die Serie, die wir kennen.
Speaker0
00:39:26
Der legendäre Sandokan von Salgeri, genau. Und warum wurde er so genannt? Ich habe mal kurz nachgeschlagen. Er muss eine enorme Willenskraft, einen unbändigen Einsatz und eine kompromisslose Härte gehabt haben, dieser Arturo Silvestri. Ja, und mit ihm gewann dann Karl-Heinz Schnellinger die Coppa Italia. Für ihn zum zweiten Mal, aber für den AC Mailand zum allerersten Mal. Am 14.06.1967 im römischen Olympiastadion traf man auf einen krassen Außenseiter vom Namen her. Und zwar auf den AC Padua aus der Serie B. Die hatten aber vorher im Halbfinale den Inter Mailand mit 3 zu 2 besiegt. Also nicht zu unterschätzen. Aber Milan gewann mit 1 zu 0 durch ein Tor des Brasilianers Amarildo. Damit hatte der AC Mailand erstmals den italienischen Pokalwettbewerb Coppa Italia gewonnen. In der Meisterschaft dümpelte man weiter im Mittelfeld. Man war ja nur Siebter geworden. Ein Jahr später, 1967, 68, dann der große Durchbruch für Karl-Heinz Schnellinger, was Titel angeht beim AC Mailand. Milan wurde italienischer Meister. Milan zum neunten Mal, Schnellinger zum ersten Mal. Die Rossoneri waren zuletzt 1961-62 italienischer Meister gewesen, also recht lange her. Und das lag auch an einem Neuzugang auf der Trainerbank. Nereo Rocco kam zurück. Il Padrone. Unter dem Il Padrone war der AC Milan bereits 1961-62 italienischer Meister geworden und hatte dann im Jahr darauf. 1962-63 auch den Europa-Bokal-Landesmeister spektakulär gewonnen mit 2 zu 1 gegen Benfica Lissabon und Eusebio. Damaliger Torschütze war zweimal José Altafini gewesen. Also dieser besagte Nereo Rocco, Il Padrone, kam an die Städte des Erfolges zurück, von Torino zum AC Milan. Und Milan konnte auch unter ihm endlich wieder den Scudetto, die Meisterschaft, gewinnen. Mit 46 Punkten aus 30 Spielen, 9 Punkte vor Vizemeister Napoli. Und ich habe mich immer gefragt, was heißt denn Scudetto überhaupt? Warum sagt man, der gewinnt den Scudetto, wenn man in Italien Meister wird? Und das bedeutet kleiner Schild. Das kommt von einem kleinen schildförmigen Abzeichen in den Farben der italienischen Flagge Grün-Weiß-Rot, das der amtierende Meister dann in der anschließenden Saison auf seinem Trikot tragen darf, aber auch nur in dieser.
Speaker1
00:41:36
Voll interessant, das habe ich noch nie gehört.
Speaker0
00:41:38
Das gab es seit 1924 und ja, das fand ich auch mal ganz interessant rauszukriegen. Aber der AC Milan hatte sich nicht nur auf der Trainerbank verstärkt, der hat noch einen neuen Spitzentorwart und zwar Fabio Cudicini. Der hatte zwei Spitznamen, Penelone, langer Lulac und Il Ragnoneiro, die schwarze Spinne, der ganz in schwarz spielte und durch eine enorme Reichweite, er war nämlich 1,91 groß, schier unhaltbare Bälle abwehrte. Was ich dann super interessant fand, dieser besagte Fabio Cudicini, der kam aus Rom von der AS, hat nie für Italien gespielt. Er war mehrmals nominiert, hat aber nie ein Länderspiel bestritten und galt aber trotzdem als einer der besten Torhüter der italienischen Fußballgeschichte. Und er hat auch einen heute noch aktiven Rekord, denn er hat zwölf Heimspiele in Folge im San Siro, also im Giuseppe Meazza-Stadion absolviert, ohne Gegentor. 1.132 Minuten in Folge. Das ist der immer noch bestehende Heimspielrekord zu null.
Speaker1
00:42:35
Ja, da muss man ja sagen, die Italiener hatten ja immer super Torhüter, wahrscheinlich war da die Konkurrenz so groß.
Speaker0
00:42:40
Ich denke auch. Er hat mich überrascht, ich kannte den Namen immer, dass er nie gespielt hat im Nationalteam. Ja, es gab aber auch vorne noch zwei echte Verstärkungen, weitere Top-Stürmer und zwar Pierino Prati, Pierino la Peste genannt, die Pest, weil er ein ständiger Unruheherd für seine Gegner war und das ist bezeichnend für die Catenaccio-Zeit in Italien. Der wurde dann mit 15 Toren Torschützenkönig der Serie A und damit Torschützenkönig hieß in Italien Capo Canoniere, Das heißt, der Chef oder der Hauptkanonier. Bei uns gab es ja dann lange Zeit oder immer noch die Torschützenkanone für den besten, also jetzt zuletzt für Harry Kane. Ja, neben La Peste spielte noch ein Schwede beim ACM mit und zwar der vorher schon genannte Kurt Kure Hamrin, der Schwede, der damals ja Erich Huskoviak zum Revanche-Foul getrieben hatte. Und der kam aus Florenz, von der Fiorentina. Man darf vielleicht so ein bisschen erzählen, er ist immer noch ein Idol in Florenz. Er hieß dann dort auch Bandiera de la Fiorentina, die Fahne der Fiorentina, weil er von 58 bis 67 dort eine ganze Ära geprägt hat. Coppa Italia-Sieger, der Pokalsieger gewonnen mit der Fiorentina, Rekordtorschütze mit 203 Toren in 358 Spielen in der Serie, also in allen Wettbewerben für die Fiorentina. Erst vor einigen, naja, einigen Jahren ist vielleicht Quatsch, aber in den letzten Jahrzehnten abgelöst von Gabriel Batistuta, dem Argentinier. Also eine echte Legende in Florenz. Und er kam dann zum AC Milan rüber. Er war ja auch Vizeweltmeister 58 geworden, dann 2 zu 5 gegen Brasilien. Nachdem also Karl-Heinz Schnellinger und der AC Milan italienischer Meister geworden waren, gab es auch den ersten internationalen Titel für Karl-Heinz Schnellinger mit dem AC Milan. Am 23. 1968 trafen dann in Rotterdam im De Coip der frischgebackene italienische Meister AC Milan. Und der Hamburger SV aufeinander. Der Hamburger Sportverein mit Uwe Seeler, Bernd Dörfel, Gerd Dörfel, Jürgen Kurpjun, World Cup Willi Schulz und Werner Aja Krämer. Einer meiner absoluten Lieblingsnamen. Da kam aus Duisburg ein sehr gefährlicher Flankenspieler. Warum überhaupt der Hamburger Sportverein? Wer sich ein bisschen auskennt, wird sofort wissen, der Hamburger SV war gar nicht Pokalsieger in der Saison davor. Das war der FC Bayern München. Die waren aber zugleich auch Titelverteidiger im Europapokal der Pokalsieger, Denn die hatten im Jahr davor die Glasgow Rangers im Nürnberger Stadion mit 1 zu 0 besiegt und konnten daher sowieso mitspielen. Und der Hamburger Sportverein war dann Finalist. Er verlor gegen Bayern mit 0 zu 4, durfte aber dadurch zweiter deutscher Verein im Europapokal mitspielen. Und so hatte dann der AC Mailand die große Ehre, im Europapokal der Pokalsäger erst auf den FC Bayern München zu treffen im Halbfinale und die Rothosen mit 2 zu 0 und 0 zu 0 auszuschalten. Und dann trafen Schnellinger und der AC Milan oft besagten HSV. Ja, und die Partie entwickelte sich dann von Beginn an zugunsten der Rossoneri, der Mannschaft des Padrone. Bereits eine dritte Minute traf der Schwede Kogahamrin für Mailand zur Führung. Und in der 18. erzielte er dann den Endstand zum 2 zu 0. Das muss ein wahres Meisterwerk gewesen sein, das Tor. Denn er ließ zwei Gegenspieler jeweils mit einem Tunnel aussteigen und überwand den Hamburger Torhüter Özkan Öci Arkocz mit einem präzisen Flachschuss. Ja, Özkan Öci Arkoç war Torwart des HSV, ein türkischer Torwart, ein Nationalspieler. Erinnerte mich, als ich das nachlas, dass ich den Namen schon mal gehört hatte. Also der war lange Zeit Torwart des Hamburger Sportvereins und ist in Hamburg immer noch wohl sehr bekannt.
Speaker1
00:46:12
Das habe ich noch nie gehört.
Speaker0
00:46:16
Der wurde vom Kicker mehrmals auch als Topspieler des HSV bewertet. Das musste ich aber auch dann nachgucken. War aber auch in der Türkei der jüngste Erstliga-Torwart, also ein ganz bekannter Mann. War auch später sogar kurz Trainer beim HSV in den 70ern. Aber, wir wollen mal festhalten, der AC Mailand gewann mit 2 zu 0 und damit ungeschlagen den Europapokal der Pokalsieger 1967-68. Und damit seinen zweiten europäischen Vereinswettbewerb, denn wir hatten ja schon den Europapokal der Landesmeister Anfang der 60er gewonnen. Beide Male, nochmal festzuhalten, unter Nereo Rocco und beide Male auch mit Gianni Rivera. Der war ja schon sehr lange beim AC Mailand. Und weiterhin von Anfang der 60er noch dabei Trepatoni und Altafini. Jetzt aber auch schnell länger. Die gesamte Mannschaft hatte internationale Klasse. Und wie kann man das steigern? Ja, schwer, aber es gelang. 1968, 1969 folgte der nächste große Erfolg. In der Serie A gelang zwar keine Titelverteidigung. Die Rossoneri wurden nur dritte. Punktgleich mit Cagliari und vier Punkte hinter der Fiorentina. Aber man gewann zum zweiten Mal den Europapokal der Landmeister.
Speaker1
00:47:21
Das war ein Riesenerfolg.
Speaker0
00:47:23
Total. Am 28. Mai 1969 trefft Milan mit Schnellinger in der Verteidigung im Estadio Santiago Bernabeu Madrid auf Ajax Amsterdam. Die waren in ihrem ersten Europapokal-Endspiel. Und da waren neben bekannten holländischen Spielern wie Sjag Svart, Wim Surbier, Barry Hulshoff, Inge Danielson dem Schweden und Veli Bovazovic dem Jugoslawen und auch ein Johann Kreuf und ein Piet Kaiser. Das Spiel verlieh von Beginn an zugunsten des AC Mailand, nicht zuletzt aufgrund der Unerfahrenheit von Ajax, das erstmals ein solches Vereinsfinale bestritt. Bereits in der ersten Minute traf Pierino Prati den Pfosten und in der siebten dann zum Treffer zum 1 zu 0. Fünf Minuten vor der Halbzeit bereitete Gianni Rivera dann den zweiten Treffer von Pierino Prati mustergültig vor, der den Ball nur noch einschieben musste. Nach dem Seitenwechsel gelang dann Ajax sich an Elfmeter das 2 zu 1, aber in der 60. Minute stellten die Meilenden den alten Zwei-Tore-Vorsprung wieder her. Zum 75. entschied Gianni Rivera die Partie endgültig. Er drang in den Strafraum ein, umspielte den holländischen Torwart und legte quer auf Pierino Prati La Peste, der mit seinem dritten Treffer zum 4 zu 1 einschob. Und diesem Sieg gewann der AC Mailand zum zweiten Mal in seiner Vereinsgeschichte den Europapokal der Landesmeister. Und damit auch Karl Lanschnellinger zum ersten Mal. Er hatte nun in aufeinanderfolgenden Spielzeiten die beiden zur damaligen Zeit größten Vereinspokale im europäischen Fußball gewonnen.
Speaker1
00:48:49
Ja, das können nicht viele sagen, ne?
Speaker0
00:48:51
Und Schoeninger war der erste Deutsche, der den Europapokal der Landesmeister gewann mit dem AC Meiland. In der Liga lief es dann in der Raffung in 1969, 1970 nicht so gut. Man wurde diesmal nur Vierter hinter dem Meister US Cagliari. Aber 1969 kam dann der Weltpokal dazu. Er wurde in Hin- und Rückspiel ausgetragen gegen den Champion des südamerikanischen Copa Libertadores de America. Und zwar waren das zu der Zeit die Estudiantes de la Plata aus Argentinien. Die waren zu der Zeit bekannt als Betonfußball.
Speaker1
00:49:21
Ja, ich wollte gerade sagen, die sind ja bekannt dafür, dass das Treter waren.
Speaker0
00:49:25
Ja, total brutal und destruktiv, defensiv. Umso überraschender fand ich das dann, dass das Hinspiel in Mailand am 8. Oktober 1969 mit 3 zu 0 für Mailand ausging. Das Rückspiel am 20. Oktober 1969 in Buenos Aires sollte dann denkwürdig werden. Das Ergebnis weniger. Die Argentinien von Estudiantes gewannen 2 zu 1. Milan war aber mit 4 zu 2 Gesamttoren Weltpokalsieger. Aber dieses Spiel wurde von schweren Ausschreitungen überschattet. Und das fand, obwohl Estudiantes aus der vergleichsweise kleinen Stadt am Rande von Buenos Aires, der Stadt La Plata, stammte, im Stadion von Boca Juniors statt, in der La Bombonera. Ja, es gab schwere Zwischenfälle im Rückspiel, weil es gab da einen französisch-argentinischen Stürmer beim AC Milan, Nestor Combin. Der hatte gemeinsam mit Sormani die Tore zum 3-0-Hinspiel-Sieg geschossen. Das hatte Estudiantes schon sehr gestört. Und in Argentinien galtete besagte Kombin als Verräter, weil er sich für die französische Staatsangehörigkeit in Europa entschieden hatte. Und ihm wurde vorgeworfen, sich dem Wehrdienst entzogen zu haben. Es gab dann einige unschöne Ereignisse. Zu Beginn Giovanni Lodetti berichtete aus Mailänder Sicht, dass es bereits beim Betreten des Spielfeldes heißen Kaffee über sie ausgeschüttet worden wäre. Und während der offiziellen Mannschaftsfotos schossen die Gegenspieler ihnen Bälle in die Beine. Und das Spiel entwickelte sich dann auch zu einer regelrechten Hetzjagd auf die Mailänder. Überall treten und halten und schlagen. Als Folge verließ Nestor Kombin dann das Spielfeld mit einem Nasenbeinbruch und einem Jochenbeinbruch. Weitere mal in der Spieler beklagten grobe Fouls und Tätlichkeiten der Argentinier. Ich fasse das mal so zusammen. Kombin wurde in der Kabine noch festgenommen wegen vermeintlicher Fahnenflucht. Zwölf Stunden später erst konnte man das Ganze aufklären. Der Milan-Präsident konnte die argentinischen Behörden davon überzeugen, dass der besagte Spieler seinen Militärdienst doch ordnungsgemäß in Frankreich abgeleistet hatte. Man wäre auch nicht ohne ihn abgeflogen. Von Estudiantes wurden dann, der Trainer und zwei Spieler sofort verhaftet und mussten eine 30-tägige Haftstrafe verbüßen und wurden auch zu 20 und 30 Ligaspielen Sperre verurteilt, durften auch teilweise drei Jahre oder fünf Jahre nicht mehr international spielen. Der Trainer wurde lebenslang gesperrt, was aber später aufgehoben wurde. Also das war ein sehr denkwürdiges Spiel, wahrlich. Und Karl-Heinz Schnellinger war damit überhaupt der erste deutsche Fußballer, der sowohl den Europapokal der Landesmeister als auch den Weltpokal gewonnen hatte. Also auch da war er der erste...
Speaker1
00:51:55
Ja, wahnsinnig erfolgreich.
Speaker0
00:51:57
Dann kam die letzte Weltmeisterschaft, zu der erfahren sollte. 1970, seine vierte und letzte WM. Und mit 31 Jahren war Schnellinger inzwischen einer der erfahrensten Spieler in der deutschen Nationalmannschaft. Und er organisierte mittlerweile die deutsche Abwehr. Die Gruppenspiele waren nicht so einfach für die deutsche Nationalmannschaft. Im ersten Spiel gegen Marokko lag man sogar lange mit 0 zu 1 zurück und gewann sehr mühsam mit 2 zu 1. Dann gegen Bulgarien lag man wieder zurück, gewann aber dann noch deutlich mit 5 zu 2. Übrigens waren zu dem Spiel, um es zum auf der Zunge zergehen, da waren nur 6000 Zuschauer.
Speaker1
00:52:33
In Mexiko.
Speaker0
00:52:34
In Mexiko, genau. Reinhard Libude war überragend, bereitete drei Tore vor und ein gewisser Gerd Müller war dreifacher Torschütze beim 5 zu 2. Das letzte Spiel gegen Peru konnte man dann erstmals überzeugend gestalten und 3 zu 1 gewinnen. Gerd Müller gelang ein lupenreiner Hattrick. Und dann beginnt die Abfolge der Jahrhundertspiele, 14. Juni 1970 gegen England. Und auch dieses Spiel entwickelte sich zu einem der dramatischsten des gesamten Turniers. Und in diesem Viertelfinale gegen England sollte auch Karl-Heinz Schnellinger eine wichtige Rolle spielen. Nun, die Engländer führten bis zur 67. Minute mit 2-0. Dann verkürzte Franz Beckenbau mit einem engagierten Sololauf. Und dann kam der deutsche Ausgleich. Aber erst in der 82. Minute. Schnellinger flankte auf Uwe Seeler, der mit dem Hinterkopf ins Tor verlängerte. Und das Spiel dann auch in die Verlängerung ging.
Speaker1
00:53:22
Ein sehr berühmtes Tor, ja.
Speaker0
00:53:24
Ja, das Hinterkopf-Tour von Uwe Seeler und den entscheidenden Treffer gegen konditionell abbauende Engländer schoss dann in der 108. Minute, wer sonst, der Bombe der Nation, Gerd Müller, nach Flanke des Kölners Hannes Löhr. Der Weltmeister von 1966, England, war damit ausgeschieden. Und für drei Tage war diese Partie das Jahrhundertspiel, aus deutscher Sicht zumindest.
Speaker1
00:53:44
Dann kommt das richtige Jahrhundertspiel.
Speaker0
00:53:46
Ja genau, dann kam der 17. Juni, die Halbfinalbegegnung gegen Italien. Und dieses Spiel sollte Schnelllingers Bekanntheit in Deutschland für immer prägen. Es ist der 17. Juni 1970. Die Squadra Azura führt seit der 8. Minute durch einen Treffer von Roberto Boninsegna mit 1 zu 0. 100.000 Zuschauer verfolgen das Spiel im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt. Die Thermometer messen 50 Grad im Schatten und die DFB-Elf wirft nochmal alles nach vorne. Was kaum einer wusste, das habe ich dann auch nachlesen können, in der Halbzeit muss wohl Helmut Schöns Co-Trainer Jupp Derwall mit Abwehrchef Karl-Heinz Schnellinger ein Signal zur Auflösung der Abwehr vereinbart haben. Und das kommt jetzt. Mit langen Schritten eilt Schnellinger nach vorne. Es sind nur noch wenige Sekunden. Es läuft ja bereits die 91. Minute. Jürgen Grabigrabowski von der Eintracht flankt von links. Karl-Heinz Schnellinger macht sein Bein immer länger. Er grätscht den Ball mit rechts ins italienische Tor zum 1 zu 1.
Speaker1
00:54:42
Gegen Enrico Albertosi.
Speaker0
00:54:45
Du sagst es, ja genau.
Speaker1
00:54:47
Über den werden wir auch in etwas fernerer Zukunft etwas hören.
Speaker0
00:54:53
Da bin ich schon sehr gespannt. Aber zurück nach Mexiko. Unglaublich, ruft der ARD-Kommentator, der sonst so sachliche Ernst Huberti in die deutschen Wohnzimmer. Ausgerechnet Schnellinger, werden die Italiener sagen. Ausgerechnet Schnellinger, es ist nicht zu glauben. Das waren seine Worte. Denn der Abwehrspieler hat tatsächlich das 1-1 erzielt und das Jahrhundertspiel nimmt seinen Lauf. Und ausgerechnet Schnellinger, dieser Ausspruch wurde dann auch legendär. Wobei der blonde Carlo Ilbiondo, er sagte dazu nur, ja nun ausgerechnet, ich finde das zeigt einfach meinen Charakter. Das zeigt, dass ich überall, wo ich gespielt habe, das Maximum gegeben habe, egal wer der Gegner war.
Speaker1
00:55:33
Aber war das nicht sein einziges Tor in der Nationalmannschaft?
Speaker0
00:55:37
Hm, ich glaube, du hast recht. Ich weiß es. Es folgte dann eine spektakuläre und bis heute berühmte Verlängerung. Italien siegte 4 zu 3 nach Verlängerung. Man spricht eben, wie gesagt, auch heute noch vom Jahrhundertspiel. Und ja, dieses Tor sollte Schnellingers einziges Länderspiel-Tor bleiben.
Speaker1
00:55:56
Man muss ja dazu sagen, dass die Italiener durch das Spiel so geschwächt waren, dass sie dann das Finale gegen Brasilien klar verloren haben.
Speaker0
00:56:03
Absolut richtig. Schnellinger hat sich dann danach doch daran gestört, dass seine gesamte Karriere in Deutschland auf dieses eine Tor reduziert wurde. Die Deutschen wurden dann schließlich durch ein 1 zu 0 über Uruguay-WM-Beter.
Speaker1
00:56:15
Ja, schade, dass er so eine Karriere hat, aber jetzt natürlich nicht Weltmeister geworden ist.
Speaker0
00:56:21
Ja, auch zu Beginn der 1970er Jahre blieb Schnellinger eine feste Größe beim AC Mailand. Ja, nach der WM wurde Milan dann in der Saison 70-71 Vizemeister der Serie A mit vier Punkten hinter wem? Dem Lokalrivalen Inter. Und am 17. Februar 1971 absolvierte Schnelllinger beim 1 zu 0 über Albanien sein letztes Länderspiel und beendete nach 13 Jahren und 47 Spielen, davon 17 bei Weltmeisterschaften, seine Nationalmannschaftskarriere. Als die Bundesrepublik kurz darauf 1972 und 1974 Europa und Weltmeister wurde, hieß der linke Verteidiger schon... Ja, genau, unser Paul Breitner. In den letzten großen Jahren bei Milan gewann er weiter Titel. Seine Spielerkarriere war eben noch nicht beendet. Er gehörte weiter als Stammkraft zur Mannschaft der Rossoneri. 1971-72 war man erneut nur Vizemeister mit einem Punkt hinter Juventus Turin. Aber man gewann die Coppa Italia und zwar traf man da auf den SSC Neapel, die man dann auch mit 2 zu 0 besiegen konnte. Und 1972-73 wurde man dann zum dritten Mal in Folge italienischer Vizemeister und erneut mit einem Punkt hinter der Juventus. Man verpasste also erneut denkbar knapp zum dritten Mal den sogenannten Sternen-Scudetto. Es wäre jeweils die zehnte Meisterschaft gewesen. Man muss vielleicht noch für Kontext ergänzen, die Saison 72-73 war denn die torärmste Saison der Serie A-Geschichte. Es fielen nur 1,87 Tore im Schnitt pro Spiel. Nie wieder zuvor und nie wieder danach sollten so wenige Tore fallen. Ironischerweise, das muss ich auch sagen, fiel genau in der Saison das torreichste Spiel in der Geschichte der Serie A. Und zwar zwischen AC Mailand und Atalanta Bergamo im San Siro-Stadion. Milan gewann deutlich mit 9 zu 3 gegen Bergamo. Dreimal Pierino Prati und Doppelpack von Gianni Rivera. Aber es gab doch noch einen Titel für Milan 1973. Und auch, wenn auch diesmal nicht für Schnellinger, der taktisch bedingt nicht mitspielen durfte. Man spielte in Thessaloniki im Kaftanzoglio-Stadion von Iraklis vor 40.000 gegen Leeds United, einen sehr starken Gegner. Und Milan gewann aber überraschend mit 1 zu 0. Und dann sind wir noch nicht am Ende mit 1973. Es gab noch einen Titel, diesmal aber wieder Mitschnellinger. Und zwar wurde erneut die Coppa Italia gewonnen. Am 1. Juli 1973 quasi eine gewisse Revanche gegen Juventus Turin. Und zwar gewann man im Elfmeterschießen mit 5 zu 2 nach einem 1 zu 1 nach Verlängerung. Und wer verwandelte den ersten Elfmeter des Elfmeterschießens? Karl-Heinz Schnellinger natürlich zum 1 zu 0. Milan konnte damit den im Pokaltitel verteidigen und insgesamt zum dritten Mal die Coppa Italia gewinnen. Schnellinger zum vierten Mal. Und dies sollte dann auch der letzte Titel Schnellingers mit den Rossoneri sein. 1973-74 war dann Schnellingers letzte Saison beim AC Mailand und er verabschiedete sich anschließend aus dem italienischen Fußball. In der Serie Ja wurde man nur siebter, Meister wurde Lazio Rom und in der Coppa Italia schied man im Halbfinale aus. Aber man war ja Vorjahrespokalsieger und damit erneut im Europapokal der Pokalsieger aktiv. Und man traf dann am 8. Mai 1974 mit Galern Schnelleger in der Mannschaft auf den DDR-Pokalsieger, den 1. FC Magdeburg. Im Decoy in Rotterdam. Und was soll ich sagen, überraschend, der 1. FC Magdeburg gewann klar mit 2 zu 0.
Speaker1
00:59:37
Die waren sehr stark in der Zeit.
Speaker0
00:59:40
Ein Eigentor eines Italieners Enrico Lanzi und Wolfgang Seguin in der 74. Minute trafen. Ein Funfact, in Rotterdam waren es exakt 4.641 zu einem Europapokalfinale. So unbeliebt war das.
Speaker1
00:59:56
Kann man sich heutzutage nicht vorstellen.
Speaker0
00:59:58
Überhaupt nicht. Aber bei den ersten FC Magdeburg, da muss man in der Zukunft vielleicht auch nochmal eine Folge machen. Wir fassen mal zusammen. 2011 Serie A-Spielzeiten, absolvierte Schnellläger, insgesamt 284 Ligaspiele. Insgesamt spielte er für die Rossoneri für den AC Milan 334 Mal und erzielte drei Tore. Davon aber keins in der Meisterschaft. Er selber sah sich dabei als Fußballer, auch als Botschafter der deutschen Nachkriegsgeneration. In Deutschland wiederum sei er für seine Fahnenflucht aber auch angefeindet worden. An seine Botschafterrolle habe damals jedenfalls keine Sau gedacht zu seiner Worte. Nach elf Jahren in Italien kehrte Schnellinger dann noch einmal nach Deutschland zurück. Schnellinger war einer der berühmtesten deutschen Fußballer seiner Zeit und hatte bis dahin trotzdem kein einziges Bundesligaspiel bestritten. 1974-75 unterschrieb er dann beim Bundesliga-Aufsteiger Tennis Borussia Berlin.
Speaker1
01:00:48
Ausgerechnet.
Speaker0
01:00:51
Der Transfer galt als Coup für TB, es war zumindest öffentlichkeitswirksam. Mit 36 Jahren wurde Schnellinger Kapitän der Berliner. Doch die Jahre in Italien hatten ihre Spuren hinterlassen, er war nicht mehr der Spieler, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere gewesen war. Letztlich bestritt er nur 19 Bundesligaspiele und Tennis Borussia hatte große Probleme und kassierte 89 Gegentreffer und hatte die schwächste Abwehr der Liga und stieg sofort wieder ab als vorletzter 17. Ja, Schnellinger beendete seine aktive Laufbahn dann im Frühjahr 1975 mit 36 Jahren. Und er dachte dann darüber nach, Trainer zu werden, aber er ließ das. Denn wir haben damals keine Millionen verdient, die bis zum Lebensende reichten, sagte er. Er erwog die Trainerlaufbahn, verwarf dies aber, denn er wollte nicht länger von seiner Familie dauernd getrennt sein. Er arbeitete wieder als Kaufmann und später als Manager und Repräsentant eines Elektronikunternehmens. Und er war auch im Bereich Catering und Lebensmittel tätig. Und Italien wurde seine Heimat.
Speaker1
01:01:51
Das kann man auch gut nachvollziehen. Da ließ sich ja gut leben.
Speaker0
01:01:54
Ja, gemeinsam mit seiner Frau Ursula und den drei Töchtern kehrte er nach Italien zurück und ließ sich dann in Segrate in der Nähe von Mailand nieder und kaufte dann auch später in einem. Kleinen Dörfchen im Piemont San Desiderio di Monastero Bormida einen Sommersitz. Er war dann 30 Jahre beruflich tätig bis 2006 und dann ging er in den Ruhestand. In Italien, versteht sich, denn er liebte Italien und seine Menschen. Nach seinem 70. Geburtstag 2009 zeigte sich Schnellinger typisch selbstironisch und zufrieden mit seinem Leben. Mir geht es gut. Außer Stacheldraht kann ich alles essen. Ich habe keine Pläht, sondern immer noch meine vollen blonden Haare. Ich habe drei Töchter, drei wohlgeratene italienische Schwiegersöhne. Ich habe vier Enkel und einen Hund. Die Familie war ihm inzwischen viel wichtiger als der Fußball, doch der Fußball sollte ihn immer wieder einholen, was auch ganz schön war vielleicht, denn ganz vergessen wurde er in Deutschland nicht. 2016 wurde er für sein Auftreten in vielen internationalen Begegnungen, aber auch für sein Wirken in Italien mit dem Ehrenpreis Deutscher Fußballbotschafter ausgezeichnet und 2022 in die Hall of Fame des 1. FC Köln aufgenommen. Ja, finde ich auch absolut. Vielleicht beschreiben dann folgende Worte sein Leben besser als jede Statistik. Er war der Junge aus Düren, der in Deutschland zum Weltklassespieler wurde. Er war der Kölner Meisterspieler. Er war deutscher Nationalspieler, der vier Weltmeisterschaften erlebte. Und er war gleichzeitig einer der ersten großen deutschen Fußballer, die in Italien eine neue Heimat fanden, wo aus Karl-Heinz Schnellinger Carlo Ilbiondo wurde. Und einer, der ausgerechnet in seinem letzten großen WM-Halbfinale gegen seinen Italien ein Tor für Deutschland schoss. Und der den deutschen Fußball weit über die Grenzen Deutschlands hinaus repräsentierte. Und, sehr wichtig, der legendäre deutsche Abwehrspieler sah in seiner gesamten Karriere auch niemals die rote Karte.
Speaker1
01:03:45
Das ist natürlich Wahnsinn für einen Verteidiger.
Speaker0
01:03:48
Er galt immer als extrem fair, unaufgeregt, clever und diszipliniert. Karl-Heinz Schnelliger starb am 20. Mai 2024 im Hospital de San Raffaele in Mailand im Alter von 85 Jahren. Am 31. März 2024 hat er noch seinen 85. Geburtstag feiern dürfen. Ja, und das war meine Geschichte über Karl-Heinz Schnelliger.
Speaker1
01:04:11
Ja, vielen Dank. Das war ja wirklich interessant. vor allem auch so diese Zeit so zwischen 54 und 74, die ist ja auch, das hört man ja wenig von, außer die WM 66, aber von den anderen Sachen hört man ja wenig.
Speaker0
01:04:26
Manchmal noch 70, aber die 58 und die 62, der WM, da musst du echt nach suchen, die ist glaube ich auch aufgrund, wenn man keinen Titel gewonnen hat und der destruktiven Spielweise 62 überhaupt nicht mehr im Fokus.
Speaker1
01:04:37
Ja, vielen Dank, dann sind wir mal gespannt, was wir dann als nächstes hören werden.
Speaker0
01:04:42
Ja, ich erst, denn Du wirst ja wahrscheinlich was erzählen.
Speaker1
01:04:45
Ja, schauen wir mal.

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